Fabelhafte Rebellen – Die frühen Romantiker und die Erfindung des Ich

Autorin: Andrea Wulf

Abb. Cover: C. Bertelsmann

Eine Rezension, als auch ein Kommentar mit autobiografischen Ergänzungen von Petra Pettmann

„Fabelhafte Rebellen – Die frühen Romantiker und die Erfindung des Ich“ liest sich wie ein Roman und nicht wie ein Sachbuch. Die deutsch- britische Autorin Andrea Wulf beschreibt auf sehr lockere Art in moderner Alltags-Sprache, wie es zur Zeit Goethes in Jena und Weimar zugegangen sein mag. Ein gewagter Spagat der Autorin das Leben und die Gedankenwelt der frühen Romantiker um die Wende zum 19. Jahrhundert lebendig werden zu lassen.

Für mich persönlich war es wie ein fehlendes Puzzle-Stück, welches mir zum Verständnis dieser Epoche und Goethes Aufenthalt in Jena gefehlt hat. Denn natürlich kommt auch Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller im Buch vor. Auch wenn sie von Andrea Wulf im Titel nicht erwähnt werden. Man hat den großen Dichterfürsten wohl absichtlich weggelassen, um den jungen Rebellen, die sich an der Universität von Jena und bei Caroline und August Wilhelm Schlegel zuhause trafen, eine eigene Bühne zu geben. Der übermächtige Goethe hätte die aufstrebenden Philosophen und Regimekritiker sonst womöglich ‚verschluckt‘. Goethe wurde vom Jenaer Kreis verehrt und gefürchtet. Von Schiller lies man sich schon weit weniger beeindrucken, denn er war stockkonservativ. So beschreibt es zumindest Autorin Andrea Wulf.

Und Fichte, wer war Fichte? Lebhaft und anschaulich wird aufgezeigt, wie die „Erfindung des Ich“ überhaupt zustande kam. Nicht zu verwechseln mit unserem heutigen Ich-Begriff, denn das romantische Ich war ein sehr zerbrechliches Wesen. Dieser neue Gedanke wurde in der Zeit dieser „Frühen Romantiker“ erst geboren. Sie nennen sich auch die „Erste Generation“. Mittlerweile sind wir zeitgeschichtlich schon bei der „Letzten Generation“ angekommen. Kein Wunder, wenn Medien die jungen Leute immer nur als „Generation Z“ betiteln.

Doch zurück zum Buch: Zuerst war ich als Goethe-Kennerin etwas irritiert von der oft flapsigen Sprache Andrea Wulfs, die heute in London lebt. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Andreas Wirthensohn. Vielleicht liegt es auch daran. Doch je weiter ich mich in die Art des Geschichtenerzählens der in Indien geborenen und in Deutschland aufgewachsenen unkonventionellen Autorin eingefühlt habe, desto genialer fand ich diese „freie, rebellische Sprache“. Nichts wäre schlimmer, als über diese genialen und wilden Virtuosen ihrer Zeit mit konservativen, sprachlich langweiligen Sätzen zu berichten. So gesehen enttäuscht mich die Romanform nicht. Wobei ich mich allerdings immer wieder beim Lesen fragte, mit welcher Selbstsicherheit die Autorin all jene Einzelheiten des täglichen Lebens zu Papier bringen konnte. Sind es Erfindungen? Das bleibt leider offen.  

Vieles ist sicher frei erfunden, denn auch wenn viele schriftliche Quellen aus dieser Zeit vorhanden sind, so weiß man doch nicht, wie es wirklich zugegangen ist. Und doch erweckt die Erzählung einen filmischen Ablauf vor unserem geistigen Auge und lässt uns in die Zeit eintauchen, als wären wir dabei. Aufstieg und Fall des Jenaer Kreises werden beschrieben. Charaktere der Schlegel-Brüder Friedrich und August Wilhelm, der Humboldt-Brüder Wilhelm und Alexander, Friedrich von Schiller, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich von Hardenberg, gen. Novalis und von Georg Wilhelm Friedrich Hegel beleben die Entstehungsgeschichte der Keimzelle der Romantik.

Schrittmacher der Geschichte sind allerdings intellektuelle unangepasste Frauen wie Caroline Böhmer-Schlegel-Schelling, oder Dorothea Veit, Tochter des Moses Mendelsohn, und auch Christiane Vulpius, die ohne Trauschein an der Seite Goethes lebte. Konservativ dagegen Charlotte von Schiller, geborene von Lengefeld, einer Frau vom alten Adelsschlag. Was mich stört ist, dass die Autorin auf Seite 402 im zweiten Absatz ganz bewusst über eine entscheidende Epoche Goethes hinwegspringt, indem sie Johann Peter Eckermann, den langjährigen Vertrauten Goethes, der die ‚Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens‘ verfasste, anonym und lapidar als ‚einen jungen Gelehrten‘ bezeichnet und dessen Namen unterschlägt. Dies wäre allerdings auch ein neues Kapitel, in dem die fabelhaften Rebellen und Jena nicht mehr die Hauptrollen spielen könnten. Johanna Bertram, Eckermanns Verlobte, könnte man ebenfalls zum Kreis der klugen, intellektuellen Frauen dieser Zeit zählen. Doch sie hatte weniger Durchsetzungsvermögen und blieb in der Literatur weitgehend unberücksichtigt. Ich lebe heute in dem Haus in Bleckede, in dem Johanna Bertram mehrere Jahre als Verlobte Eckermanns weilte, unterrichtete und scharfsinnige Briefe nach Weimar schrieb. Das alte Gemäuer erzählt noch heute die Geschichte von Frauen, die nicht sein durften, was sie wollten, die heimlich publizierten und auch als männliche Autoren auftraten. Denn die Idee der Romantiker war in der Welt. Wir leben heute noch nach diesem Prinzip.

Eigentlich waren es die Frauen, die das neue Zeitalter durch ihr mutiges Voranschreiten und ignorieren bürgerlicher Etikette einläuteten. Offene Beziehungen, Scheidungen, freie Liebe – die Jenaer Clique und auch Goethe probierten sich aus, gingen bewusst neue Wege. Das Bewusstsein für das ICH und dessen freie Entscheidung war revolutionär. Die Kunst, ichbezogen zu sein, bedeutete das ICH um eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Eine Gesellschaft, die aus Individuen bestand, die nicht mehr von Monarchen und Herrschern auf einem vorbestimmten Platz und Lebensweg gezwungen wurden, sondern die selbst über ihr Schicksal und ihre Identität bestimmten. Die ‚Kunst, ich bezogen zu sein‘ bedeutete nach Schellings Naturphilosophie auch, den eigenen Platz in diesem großen und zusammenhängenden lebendigen Organismus der Natur zu verstehen. Eins zu sein mit dem Universum. Die Französische Revolution war allerdings im Nachhinein eine große Enttäuschung. Die Rebellen waren froh, als Napoleon mit dem Muff im Land aufräumte. Doch die Frei-Geister schieden sich dann doch.

Was für uns Frauen heute selbstverständlich ist, war es in der Zeit zwischen 1794 und 1806 keineswegs. Nicht nur das „ICH“ fand mit Goethes Werther und den nachfolgenden Rebellen seine Geburt, sondern auch die Ablösung von steifen Traditionen, Unterwürfigkeit und die Abkehr von Religion und familiären Zwängen. Die Jenaer Clique war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nur als Gruppe konnten sie sich so frei entfalten und neue Welten erfinden. Ein wunderbarer Zufall der Weltgeschichte, die unser heutiges Leben in jedem Bereich prägt. Ohne diese Rebellen wären wir nicht so frei wie wir es heute sind. Die französische Revolution hat in Frankreich ihre Kinder gefressen, doch den Jenaer Kreis hat sie erst stark gemacht. Konservative Kreise werden damals entsetzt gewesen sein. Entrüstet, dass Caroline Schlegel sich scheiden ließ und mit ihrem Liebhaber Schelling die offen geführte wilde Beziehung legitimierte. Genau wie auch Goethe mit Christiane Vulpius, die er erst nach Napoleons Einfall in Weimar aus rein versorgungstechnischen Gründen heiratete. Auch Goethe war ein Rebell und floh aus dem spießigen, muffigen Frankfurt, welches es bis heute nicht geschafft hat – trotz Skyline Mainhattan – zu einer Weltstadt zu werden.

Ich darf das schreiben, denn ich kenne Frankfurt selbst und mein Ahnenkreis pflegte aus verwandtschaftlichen Gründen den engen Umgang mit Goethes Großeltern väterlicherseits und dessen Vater. Goethes Großmutter Cornelia Schellhorn, geb. Walther, die als Schneiderstochter und Hotelierswitwe in den Besitz des bedeutenden Weidenhofes auf der Frankfurter Zeil kam, ermöglichte ihrem Sohn Johann Caspar Goethe (1710 – 1782) Bildung und Jura-Studium, und trug auch dazu bei, dass Johann Wolfgang Goethe seine Liebe zum Theater und zur Literatur entwickeln konnte. Ihre einzige, ältere Schwester Anna Sybilla Walther, heiratete in meinen Ahnenstamm, in die Frankfurter Bierbrauer-Dynastie Pettmann ein. Ich selbst bin noch in diesen stockkonservativen Verhältnissen groß geworden, die jungen Menschen keinen Raum zum Atmen lässt, und Frauen schon gar nicht. Man kann nur ausbrechen, seine eigenen Wege gehen. Was Goethe tat, indem er nach Weimar ging.

Kein Wunder, dass der rund zehn Jahre ältere Goethe begeistert von den jungen Rebellen war. Sie waren Freigeister und liebten die intellektuelle Auseinandersetzung. Die Provokation, die mediale Veröffentlichung ihrer Gedanken. Die aufregenden Seiten der Verwirklichung des freien eigenen Willens. Es war nicht nur eine Revolution des Geistes, sondern auch die Entstehung einer neuen physischen Welt. Sie rieben sich mit Freude an der Anstößigkeit, waren sich aber ihrer Verantwortung der Gesellschaft gegenüber sehr wohl bewusst.

Goethe, Schiller, die Humboldt- und Schlegel-Brüder – sie alle waren anständige Bürger, gebildet und gesellschaftstauglich. Die Freiheit des Geistes, das selbstbestimmte Leben, die Entdeckung der Wissenschaft, all das entwickelte sich maßgeblich durch genau diese jungen Wilden, deren Frauen im Hintergrund die wahren Heldinnen ihrer Zeit darstellten. Diese Frauen mussten sich aus ihrem Käfig mit mehr Kraft befreien, für sie war es gefährlicher frei zu sein. Denn die Gesellschaft war noch nicht so weit. Deutschland war in viele kleine Fürsten- und Herzogtümer aufgeteilt, man war massiv abhängig vom Wohl und Weh seines Landesherren. Freiheit für alle gab es noch lange nicht. Wer ausgestoßen wurde aus der Gesellschaft – war wirklich ausgestoßen. Caroline, die die französische Revolution in Mainz hautnah erlebte, und ins Gefängnis musste. Oder Fichte, der Underdog aus armen Verhältnissen, der es trotz allem schaffte, hunderte von Studenten um sich zu scharen und für seine Ideen vom ICH zu begeistern. Sie alle hatten es nicht leicht.

Schiller, Fichte & Co. waren trotz allem konservativ: Frauen hatten sich zu fügen, zu gehorchen. Goethe war seiner Zeit weit voraus. Ihn scherte es einen feuchten Kehricht, was man über seine freie Beziehung zu einer Frau aus vermeintlich niederen Schichten dachte. Doch Goethe selbst kam aus handwerklichen und bäuerlichen Verhältnissen, deren Werte ihm immer positiv vermittelt wurden. Großmutter Cornelia Goethe kam aus einer reichen Schneiderzunft, die Verwandtschaft hatte das gastronomische Monopol in Frankfurt, Wirtshäuser, Brauereien, Weinkeller, Mühlen und Landgüter wie den Glauburgischen Hof, Gartenanlagen in bester Frankfurter Lage. Es waren Bürger der freien Reichsstadt Frankfurt am Main. Und auch Philipp Bernhard Pettmann, als Frankfurter Stadtphysikus – also erster Arzt der Stadt – zählte zur gebildeten Verwandtschaft und studierte in Straßburg. Goethes Mutter hatte das Glück ihren Mann lange zu überleben, reich, unabhängig und frei zu sein. Alles Faktoren, die den Grundstein zum Freiheitsgedanken der im Buch beschriebenen Persönlichkeiten beitrugen. Wohlhabende Bürger mit Stadtrechten, Bürgermeister von Frankfurt, ein Glück, wer solche Ahnen hatte. Der Adel erlebte sein letztes Machtspiel, bevor er – nicht unwesentlich beeinflusst durch die Rebellen, die Französische Revolution und Napoleon – sein Ende fand. Eine sehr bewegte Zeit, die sich mit dem Buch von Andrea Wulf vor unseren Augen aufblättert und erklärt.

Fazit: Unbedingt lesen! Damit klar wird, warum wir heute denken wie wir denken, sind wie wir sind. Dank sei den fabelhaften Rebellen! Erst Goethe und der Jenaer Kreis konnten diese verkrusteten Strukturen aufbrechen und uns zu selbstbestimmten Menschen machen. Ob wir mittlerweile gelernt haben, für die Natur und unseren Planeten Verantwortung zu übernehmen, steht allerdings noch in den Sternen.

Leseprobe

Informationen zum Buch:

Autorin: Andrea WulfFabelhafte Rebellen – die frühen Romantiker und die Erfindung des Ich
Quelle:C. Bertelsmann
Erscheinungsdatum:Oktober 2022
Preis:30,00 €
Seitenzahl:528 Seiten
Format & Abbildungen:233x163x43 mm, mit 30 farbigen Abbildungen und 2 Karten
ISBN:9783570103951

Dies ist eine Rezension von Petra Pettmann M.A., Journalistin, Archäologin, Anthropologin.

Kontakt: Petra Pettmann M.A., Pressebüro PP-Kommunikation, Marschdeich 1, 21354 Bleckede, Fon: 05852 958 7 958; Mail: presse@pettmann.de. Es gelten meine AGB, einzusehen auf www.pettmann.de. Die Vervielfältigung und Verwertung der Rezension, auch in Auszügen, ist ohne meine schriftliche Zustimmung nicht erlaubt. Datum der Rezension: 23. Januar 2023

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